Die Sprachwerkstatt im KLEX-Labor

Forschendes Lernen im Bildungsbereich „Kommunikation, Sprache und Literacy“

Von Renate Schmitz-Gebel

Das Staunen über bekannte und unbekannte Buchstaben zu wecken, die Zauberkraft von Schrift und Schriftzeichen aus aller Welt als Träger von Botschaften zu erkennen, die Freude an der Bildung von Wörtern anzufeuern, zum Fabulieren von fantasievollen Sätzen und Geschichten einzuladen und damit das Sprechen miteinander zu fördern – darum geht es in der Sprachwerkstatt, die Studierende wie Kinder zum Erforschen der vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten von Sprache einlädt.


“Sprache ist der Schlüssel zur Welt”

– Wilhelm von Humboldt

Für Studierende wie Kinder geht es durch die Tür des KLEX-Labors mitten hinein in die Literacy-Welt. Literacy wird hierbei nach Michaela Ulich als „Sammelbegriff für kindliche Erfahrungen und Kompetenzen rund um Buch-, Erzähl- und Schriftkultur“ und auch als wesentlicher Bestandteil des Zweitspracherwerbs verstanden.

Viele Studien haben gezeigt, dass sich frühe Erfahrungen mit Büchern, Geschichten und Schriftzeichen positiv wie nachhaltig auf die Sprachkompetenz und als Schlüsselkompetenz auf den späteren Lernerfolg in der Schule sowie die gesellschaftliche Teilhabe auswirken.

Im Studiengang Kindheitspädagogik wird diesen Erkenntnissen und der zentralen Bedeutung von Sprache für die frühkindliche Entwicklung Rechnung getragen. Es gibt mehrere Module, die sich mit sprachlicher Förderung beschäftigen. In den praktischen Seminaren probieren die Studierenden selbst aus, was sie später den 3- bis 6-jährigen Kindern aus den Kooperationskitas ermöglichen werden.

 

Die Materialien der Sprachwerkstatt und ihr Einsatz im Studiengang „Kindheitspädagogik“

Im KLEX-Labor stehen anregende Materialien zur Verfügung, mit denen Sprache auf vielfältige Weise erforscht und aktiv erlebt werden kann. Die Sprachwerkstatt ermöglicht kreative Bildungsprozesse im Bereich Sprache als Zugang zur Welt.

Zunächst schaffen die Lehrenden mit diesen Materialien im KLEX-Labor vorbereitete Lernumgebungen für die Studierenden. In der Sprachwerkstatt erleben die Studierenden nach einem Blick zurück auf ihre eigenen biografischen Erfahrungen mit Schrift und Schreiben Buchstaben und Wörter noch einmal neu mit allen Sinnen: Wie nehme ich Buchstaben in sehr kleinem oder in sehr großem Format wahr? Wie fühlen sich Buchstaben aus Stoff oder Holz oder Knete an? Wie kann ich ihre Form nachmalen? Mit den Fingern in Sand oder mit Rasierschaum auf dem Tisch? Mit einem Holzstück in Ton, Wachs oder Teig?

Mit viel Freude probieren die Studierenden vielfältige ästhetische Formen von Buchstaben aus. Unterschiedliche Schreibgründe lassen Buchstaben immer wieder anders sichtbar werden.

Auf Metall haften sie als Magnetbuchstaben. Auf einem Leuchttisch beginnen sie in vielen Farben zu strahlen, als Schatten oder Negativformen sind sie ebenso spannend wie sie in einem Spiegel zu sehen. Als Holzformen können sie mit verschiedenen Materialien gefüllt und gestaltet werden, als Sandbuchstaben können sie mit geschlossenen Augen ertastet werden.

ABC-Bücher und Alphabete zeigen, welche Formen Buchstaben und welche Schreibrichtungen Wörter in unterschiedlichen Ländern annehmen können. Buchstaben können aus Papier gefaltet, geschnitten, geklebt, gedruckt und gestempelt werden, große und kleine Stempel laden zum Ausprobieren ein. Früher sahen Buchstaben oft anders aus, sie können wie damals auf Schiefertafeln mit weißen Griffeln geschrieben werden.

Oder sie werden klappernd auf einer alten Schreibmaschine aufs Papier gehämmert, ein haptisches wie akustisches Erlebnis. Manche Wörter finden ihren Weg mit Schreibfedern und Tusche auf Papier. Andere werden mit Stiften auf Wellpappe, Noppenfolie oder Stoff, mit Kreide auf Stein oder die Straße gemalt, jeweils mit anderen Geräuschen verbunden. Im Sand werden sie als Wellen, in Linien und Schwüngen mit einem Pinsel oder direkt mit dem Finger hineingestreichelt.

Buchstaben können aus Naturmaterialien, aus Büroklammern, Münzen, Steinen und allen möglichen Materialien auf der Wiese oder zwischen den Blumen im angrenzenden KLEX-Garten gelegt werden.

Die Materialien laden die Studierenden ein, individuell und mit Entdeckerfreude auszuprobieren, immer wieder mit neuen Kombinationen und kreativen Ausdrucksmöglichkeiten zu experimentieren. Sie beschäftigen sich intensiv und auf ihre eigene Weise mit dem Thema Sprache.

Gerade das Schreiben mit der Hand ist für Studierende eine wichtige, oft längst vergessene Erfahrung, die aber gerade im Zusammenspiel von Hand und Hirn eine wichtige Verknüpfung im Gehirn bewirkt. Postkarten schreiben, in bunten Farben auf unterschiedlichen Papieren Briefe formulieren, am Posttisch abgeben und abstempeln oder Botschaften in einer Flaschenpost verschicken – auch dies gehört in der Sprachwerkstatt mit dazu.

Selbstverständlich dürfen Kinderbücher im KLEX-Labor nicht fehlen. Im dialogischen Vorlesen erschließen sich die Studierenden spannende Geschichten aus aller Welt, erleben Sprachfreude im Vorlesen von Reimen und erfinden selbst eigene Reime. Im japanischen Papiertheater Kamishibai bringen sie Geschichten auf eine Mini-Bühne, gern auch in verschiedenen Familiensprachen. Eigene Geschichten werden durch Stoff-Gegenstände und einfache Alltagsgegenstände in Fluss gebracht, im Erzählkoffer finden sich dazu genügend Dinge, die die Fantasie und vielfältige Rollenspiele anregen. Für Rollenspiele gibt es einen eigenen Bereich, der mit Verkleidungsgegenständen bestückt ist, zum spontanen Spielen einlädt und dabei auch den Bereich der Körpersprache mit einbezieht.

Der Zusammenhang zwischen Dingen, aus denen man Geschichten entwickelt, und Lauten, die zu Zeichen werden, zu Schriftzeichen, in der Menschen ihre Geschichten für andere festhalten können, wird konkret erlebbar. Die Studierenden schreiben ihre eigenen Geschichten auf, halten sie fest vielleicht sogar in einem gehefteten Buch.

Die Lehrenden unterstützen die Studierenden in ihrem Sprachforschungsprozess einfühlsam und unterstützend. Im besten Falle spüren die Studierenden also selbst, was es bedeutet, wahrnehmend beobachtet und in den eigenen Bildungsprozessen unterstützt zu werden. Sie erleben, wie es ist, wenn jemand aufmerksam am Geschehen teilnimmt, zum passenden Zeitpunkt ein neues Material hineingibt, die entstehenden Fragen bzw. Erkenntnisse spiegelt oder ein Gespräch initiiert, das vielleicht zum Weiterdenken anregt. Sie erleben auch, wie es ist, mit Bildmaterial im eigenen Tun dokumentiert zu werden, und dass eine wertschätzende Haltung eine wesentliche Rolle spielt, um sich dabei wohlzufühlen.

Studierende sammeln praktische Erfahrungen mit Kindern in der Sprachwerkstatt

Im zweiten Schritt erhalten die Studierenden die Möglichkeit, nun selbst in der Rolle der Pädagog*innen die Kinder zu vielfältigen Forschungen rund um Sprache einzuladen. Sie heißen die Kinder aus den Kooperationskitas in der Welt der Zeichen, Buchstaben, Wörter und Geschichten willkommen, indem sie mit den Materialien, mit denen sie selbst praktische Erfahrungen gesammelt haben, eine vorbereitete Umgebung für eine kleine Gruppe von Kindern schaffen und die Kinder bei ihren Sprach-Entdeckungen einfühlsam begleiten.

Die Studierenden gehen dabei offen auf die Ideen und Experimente der Kinder ein. Sie verfolgen keine vorgegebenen Lernziele wie z.B. das Schreiben-Lernen von Buchstaben, das Nacherzählen einer Geschichte oder das Erlernen von einzelnen Wörtern. Vielmehr lassen sich die Studierenden auf einen offenen Interaktionsprozess mit den Kindern ein. Die Kinder experimentieren mit den vielfältigen Materialien, entdecken Buchstaben zunächst über die Umrisse, über ihre grafischen Formen. Sie finden mit Unterstützung der Studierenden den Weg von der mündlichen zur schriftlichen Sprache, wenn sie ihre eigenen Geschichten erfinden und die Studierenden diese auf Papier in Schrift festhalten, sodass sie immer wieder vorgelesen werden können – ein geradezu magisches Erlebnis. Grafische, klangliche und verbale Äußerungen verweben sich zu zauberhaften Spracherfahrungen.

Die Studierenden begleiten die Kinder in dem, was die Kinder interessiert, sie sind neugierig auf ihre Fragen, lassen sich überraschen und begegnen sich gemeinsam mit ihnen auf der Suche nach Antworten. Im praktischen Tun entwickeln und erweitern die Studierenden ihre pädagogische Handlungskompetenz, üben sich in sprachförderlicher Dialoghaltung und bauen ihre Selbstreflexionskompetenz aus.

Die abschließenden, kompetenzorientierten Prüfungen finden in der konkreten Begegnung mit den Kindern in der Sprachwerkstatt, in der nachfolgenden Reflexion über die Interaktion und der Einordnung in den theoretischen Wissensrahmen statt. So wird forschendes Lernen im Bildungsbereich „Kommunikation, Sprache und Literacy“ nachhaltig und eindrucksvoll im Gehirn verankert und gesichert – bei Studierenden und Kindern. Die Tür zur Literacy-Welt hat sich weit geöffnet und den Blick auf kognitiven und expressiven Reichtum freigegeben.

Bildnachweise: Marjan Alemzadeh und Renate Schmitz-Gebel